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Trauma, Wut und Liebe

Meine sehr persönlichen Erfahrungen aus dem Kriegsenkel-Kongress

Ein Bericht von Maren Brigitta Sydow

Kriegsenkel?
Ich leide seit gut über 30 Jahren an einer schweren Autoimmunerkrankung, die sich über die Zeit kontinuierlich dramatisch verschlechtert hat. Was hat das damit zu tun, dass ich eine “Kriegsenkelin” bin? Nichts …- dachte ich. Um ehrlich zu sein, kannte ich nicht einmal den Begriff “Kriegsenkel”, bis mir jemand “zufällig” den Link zu Eurem Kongress geschickt hat. Genau zum richtigen Zeitpunkt.

Bereits ein paar Monate vorher war mir ebenso “zufällig” der Impuls gekommen, mich verstärkt mit dem Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen, und dem, was er mit meinen Eltern gemacht hat. Jemand, der sich mit alternativen Heilweisen beschäftigt, war bei uns zu Gast gewesen und hatte mir gesagt, dass nach seiner Erfahrung schwere Gelenkprobleme häufig mit dem Thema “Verlust” zusammenhängen. Tja, dachte ich, der eine sagt “unterdrückte Wut”, der andere sagt “Verlust”, beides hat mit meinem Leben eigentlich gar nichts zu tun. Reine Platitüden.

Themen liegen in der Luft
Am nächsten Tag wachte ich auf. Buchstäblich. Denn ich komme aus einer Familie, in der beide Eltern durch den Krieg ihre Heimat, ihren Besitz und letztlich auch ihr Ansehen verloren haben. Es liegt mehr als nahe, dass die Themen “Verlust” und “unterdrückte Wut” bei uns geradezu in der Luft gelegen haben, auch wenn sie nicht wirklich angesprochen wurden.

Ich hatte mich schon lange viel mit Schamanismus, auch mit Epigenetik etc. beschäftigt, so dass es für mich eigentlich selbstverständlich war, dass das Leben der Ahnen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen hat. Also jedenfalls rein theoretisch. Und bei allen anderen Menschen. Aber Einfluss auf MICH? Mich selbst wirklich wahrzunehmen, fiel mir schon immer schwer. Meine Fühler waren bereits seit frühester Kindheit nach außen ausgestreckt, nicht nach innen:

Bei meiner bis dahin stets sehr fit wirkenden Mutter (wir drei “Kinder” sind hingegen alle schon früh recht schwer erkrankt) wurde in diesem Frühjahr plötzlich eine offenbar schon lange bestehende schwere Herzschwäche diagnostiziert. Ich verband das mit ihren mir wenig bekannten Erlebnissen als Kind / Teenager (Jahrgang 1932) und machte mir mehr und mehr Gedanken über das, was sie im Krieg für Erfahrungen gemacht haben musste – und ich litt buchstäblich mit ihr mit. Ich wollte am liebsten alles für sie heilen. An MICH dachte ich kaum.

Und dann kam der Kongress – und für mich eine Menge Aha-Erlebnisse:

  1. Es gibt eine Erklärung dafür, dass ich mich in Kindergarten, Schule und Beruf immer irgendwie “anders” gefühlt habe. Es liegt nicht an mir. Ich bin gar nicht so sonderbar, wie ich immer dachte. 😊
  2. Ich bin nicht allein. Und auch nicht wertlos. Andere haben ähnliche Erfahrungen und Gefühle. Wow!
  3. Meine – für mich weitgehend im Nebel liegende – Kindheit war gar nicht so glücklich, wie ich mir immer eingeredet hatte.

Mir Letzteres einzugestehen, war für mich am Schwierigsten, denn meine Mutter lag im Sterben. Jede gedachte Kritik an ihr kam mir wie ein Sakrileg vor.

Verstrickungen
Ich las im Anschluss an Euren Kongress Sabine Bode und ganz viel von Franz Ruppert, dessen Beitrag bei Euch mich besonders angesprochen hatte. Mir wurde klar, wie “verstrickt” ich tatsächlich mit meiner Mutter war. Wie sehr ich mein Leben lang versucht hatte, mich in sie hineinzuversetzen, ihre bedingungslose Liebe zu bekommen, oder mich wenigstens von ihr gesehen zu fühlen. Im Gegensatz zu meinem erkennbar traumatisierten Vater war meine Mutter stets ruhig und immer freundlich zu jedem gewesen. Ich habe sie nie wütend erlebt.

Sie konnte nicht wirklich “nein” sagen, oder anderen Menschen Grenzen setzen. Auch Betrügern gegenüber nicht. Sie konnte durchaus lachen und sogar albern sein, aber andere Gefühlsregungen waren nicht wirklich wahrnehmbar. Außer einem diffusen Schuldgefühl, das sie nach meinem Eindruck mit kirchlicher Hilfe loszuwerden hoffte.

Über eine Familienaufstellung war mir bereits klar geworden, dass sie ganz viel Wut gespeichert hatte, diese aber offensichtlich nicht zeigen konnte. Ich nehme an, sie hatte Wut in ihrer Kindheit / Jugend (meine Mutter war Jahrgang 1932) als etwas sehr Destruktives erlebt, das sie ablehnte. Und wovor sie Angst hatte.

Und ich?
Ich habe das selbstverständlich übernommen. Ich besitze keine wirkliche Abgrenzung zu meiner Mutter. Auch jetzt nicht, nach ihrem Tod.

Ich bin ein Nachzüglerkind, dass vermutlich nicht wirklich gewollt war. Ich habe als Säugling kaum Beachtung gefunden (es gibt von mir ungefähr 4 Fotos aus meinem Geburtsjahr, von meinen großen Brüdern immerhin noch ganze Alben). Ich wurde nie gestillt. Selbstverständlich wurden wir alle drei bereits als Säugling “schreien gelassen” und dort abgelegt, wo wir jeweils am wenigsten im Weg waren.

So habe ich sozusagen schon von Mutterleib an die Geschichte meiner Eltern nacherlebt: Nach einer furchtbaren Flucht (bei mir einer traumatischen Geburt) in einer zunächst fremden Umgebung angekommen. Von den dort bereits Lebenden nicht wirklich gewollt und als eigenständige Persönlichkeit respektiert. Von niemandem getröstet oder gar regelmäßig liebkost. Stattdessen viel allein gelassen.

Verzweiflung
Eigene Bedürfnisse mussten unterdrückt werden, sie interessierten niemanden. Die traumatisierten Eltern wären mit den Bedürfnissen ihrer Kinder angesichts all ihrer eigenen Probleme und Nöte völlig überfordert. Durch Franz Ruppert wurde mir klar, dass schon Säuglinge, ja sogar Ungeborene solche Erfahrungen speichern, auch körperlich. Da ich ja aber auf die Liebe meiner Eltern, insbesondere meiner Mutter essentiell angewiesen war, habe ich die Wut und Verzweiflung, die daraus entstanden sein müssen, verdrängt. Das “Schmuddelkind” in mir, das ich nicht wahrhaben konnte und wollte. Denn es hätte die Beziehung zu meiner Mutter gestört. Das “Schmuddelkind”, das aber auch noch als längst Erwachsene bei jedem Besuch bei ihr dabei war und dessen unwillkürliche Unterdrückung mich jedes Mal sehr erschöpft von diesen Besuchen zurückkehren ließ.

 “Schmuddelkind”, das einen Zwilling im Innenleben meiner Mutter hatte – und das möglicherweise eine Verbindung zum Leben meines Großvaters (des Vaters meiner Mutter) hat: Obwohl ich selber nie Gewalt erlebt habe, habe ich extreme Angst davor. Gewaltdarstellungen im Fernsehen haben mir von frühester Kindheit an nächtelange Alpträume beschert. Schlägereien und auch Boxkämpfe oder ähnliches sind für mich unerträglich. Warum tun Menschen sich so etwas an?! Auch meine Mama mochte bei so etwas nicht hinschauen. Sie liebte Quizshows und alte Komödien.

“Der Krieg in mir”
Als Ihr über den Film berichtet habt, hat schon die Überschrift eine Seite zum Klingen gebracht: Ja, genau so fühle ich mich. Als tobt in meinem Körper eine Art Krieg. Ein Krieg, der nicht meiner ist. Von Beginn an habe ich meine Erkrankung als etwas betrachtet, das eigentlich nicht meins ist. Etwas, was ich mir aus irgendeinem Grund angezogen habe, obwohl es gar nicht zu mir gehört.

Meine Mutter wollte nie wahrhaben, dass ich krank bin. Mir hat das immer weh getan, weil ich mich nicht gesehen gefühlt habe. Heute glaube ich, es war eine Mischung aus ihrer von ihrem Vater stammenden Überzeugung, dass Krankheit Schwäche sei. Und dem Versuch, Negatives aus ihrem Leben einfach auszublenden. Stets auf das Positive zu schauen. Nicht zu jammern, sondern alles weg zulachen. Genauso habe ich auch immer gelebt: Nicht jammern, sondern machen – und lachen.

Nach dem Kongress ist mir klar geworden, dass gerade das, wo man nicht hinschauen will, letztlich die größte Macht über einen hat. Und dass dieses Phänomen meine Alpträume und Ängste gut erklären kann. Dass hier eine “Aufgabe” dahinter steht, der ich nicht “entkommen” kann, indem ich wegsehe.

Ich versuche inzwischen herauszufinden, was mein Großvater für eine Rolle im Krieg gespielt hat. Und ich versuche, meine Eltern realistischer zu sehen. Mir klar zu machen, wie sehr ich meine Mutter idealisiert habe (so, wie sie das bereits bei ihrer Mutter getan hatte). Mir fällt das schwer.

Tabuthema Kritik
Es war für mich ein Trost, zu erfahren, dass es bei den meisten Kriegsenkeln zunächst große Schuldgefühle auslöst, wenn sie ihre Eltern kritisieren (und sei es nur innerlich). Aber mir ist auch klar geworden, dass ich nur dann an die echte Liebe zu ihnen herankomme, wenn ich ihre negativen Seiten wahrnehme, – ohne sie plump abzulehnen. Denn ich blende das “Negative” ja nur deswegen aus, weil ich es innerlich ablehne und verurteile. Und das, was ich bei meinen Eltern und Großeltern ablehne und deshalb auszublenden suche, unterdrücke ich letztlich auch bei mir. Dummerweise löst es sich damit nicht in Luft auf, sondern ist im Untergrund sehr präsent. Wobei es mich gleichzeitig viel Energie kostet, es im Untergrund zu halten.

Aber: Wenn ich meine Vorfahren wegen irgendwelcher Taten, die ich letztlich gar nicht einordnen kann, als Menschen teilweise verurteile und ablehne, lehne ich dadurch nicht auch einen Teil von mir selbst ab? Meine Wurzeln, wie Ihr es genannt habt? Diese Frage treibt mich um.

Der Liebe eine Chance geben
Kann ich wirklich zur Selbstliebe kommen und auch zu echter Nächstenliebe, wenn ich einen Teil meiner eigenen Wurzeln ablehne und verurteile? Und ist Liebe nicht das, wo wir Menschen eigentlich alle hinstreben? Vielleicht haben gerade unsere so “schwierigen” Eltern uns aus einer übergeordneten Sicht einen großen Dienst erwiesen? Einen Dienst an unserer Seele, weil sie bei uns Kriegsenkeln den Wunsch geweckt haben, die Welt ein wenig besser zu machen? Die Liebe hinter der Wut zu erkennen – und dieser Liebe eine größere Chance zu geben, als es unseren Eltern aufgrund ihrer schweren Schicksale möglich war?

Danke Euch für den erkenntnisreichen Kongress, der bei mir sehr viel angestoßen hat!   

 

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1 Kommentar zu „Trauma, Wut und Liebe“

  1. Imke Rosiejka

    Liebe Maren!
    Wie schön, dass du aus dem Kongress so viele wichtige Erkenntnisse gewinnen konntest. Ich hatte an vielen Stellen deines Berichtes eine Gänsehaut, denn viele der Situationen kenne ich ebenfalls. Ja, wir sind nicht allein – und das macht Mut zum Weitergehen!
    Mir hat die Auseinandersetzung mit der Geschichte meiner Ahnen Augen und Ohren geöffnet und einige meiner körperlichen Symptome konnten gehen, weil ich gesehen habe und gesehen wurde. Dabei war übrigens die Unterstützung meines Osteopathen und Kinesiologen von unschätzbarem Wert.
    Ich wünsche dir von Herzen viele weitere Erkenntnisse und die Auflösung der Blockaden, die sicher auch zu einer Verbesserung deiner Autoimmunerkrankung beitragen.

    Von Herzen alles Gute
    Imke Rosiejka

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