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Kriegsenkel – mein blinder Fleck

Ein Beitrag von Angelika Henke aus:

Trauma erkennen – Lebensenergie befreien
Das Kriegsenkelbuch, die Quintessenz aus dem 1. Online-Kriegsenkel-Kongress

(überarbeitete Neu-Auflage erscheint in Kürze)

Kriegsenkel – mein blinder Fleck

angelika und knutWenn ich Cornelia nicht persönlich gekannt hätte, wäre der Kriegsenkel-Kongress bestimmt an mir vorbeigegangen. Nie und nimmer hätte ich ihm Beachtung geschenkt.

Als sie mir im September 2019 von ihren Vorbereitungen zu einem Online-Kongress für Kriegsenkel erzählte, dachte ich: „Ja, das Thema passt zu ihr, Cornelia ist ja auch betroffen“. Wir hatten schon öfters über ihre traurige Familiengeschichte und ihre traumatischen Belastungen gesprochen. Den Begriff „Kriegsenkel“ hörte ich dabei allerdings zum ersten Mal und ich fühlte keinerlei Resonanz dazu. Daher war ich mir vollkommen sicher: „Das ist nicht mein Problem und es hat auch nichts mit mir zu tun.“

Ihre Begeisterung und Vorfreude weckten jedoch meine Neugierde. So schaute ich mir die Webseite zum Kriegsenkel-Kongress an. Cornelia empfing den Leser mit der Frage: „Bist du ein Kriegsenkel?“ Interessiert las ich weiter: „Wenn deine Eltern im Zweiten Weltkrieg noch Kinder waren und Traumatisches erlebt haben, gehörst du zur Generation Kriegsenkel.“ Diese Definition musste ich erst einmal auf mich wirken lassen. Während ich so darüber nachdachte, fragte ich mich, ob ich womöglich doch ein Kriegsenkel sein könnte. 

Ich kam im Jahre 1968 auf die Welt. Altersmäßig war ich demnach der Generation der „Kriegsenkel“ zuzuordnen. Aber meine Eltern ‒ beide 1944 geboren ‒ waren im Zweiten Weltkrieg noch sehr jung. Dass sie etwas Schreckliches erlebt hatten – nein, das war bestimmt nicht der Fall. Ich wusste zwar um die Flucht meiner Familie aus Schlesien, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass es irgendeinen Einfluss auf sie genommen haben könnte. Wäre damals etwas Dramatisches geschehen, hätten sie sicherlich davon erzählt.

familie jäschke aus schlesienMeine Mutter war erst ein Jahr alt, als ihre Familie kurz nach Kriegsende ihre Heimat verlassen musste, also viel zu klein, um davon etwas mitzubekommen, das glaubte ich jedenfalls. Auch meine Großeltern, väterlicher- wie mütterlicherseits, hatten den Krieg allesamt überlebt. In unserer Familiengeschichte waren keine Gefallenen oder Toten zu beklagen. Meinem Empfinden nach, hatte ich mit der Vergangenheit meiner Familie, zumindest was das Kriegsgeschehen angeht, so richtig Glück gehabt. Verglichen mit anderen Familienschicksalen im Krieg waren sie alle noch „glimpflich“ davongekommen. Wie konnte ich mir also anmaßen zu denken, ich wäre ein Kriegsenkel, wenn aus meiner Sicht doch alles gut ausgegangen war?

Obwohl ich überzeugt war, nichts mit dem Thema zu tun zu haben, fand ich langsam Interesse daran. Die Ankündigung der verschiedenen Gesprächspartner, der zahlreichen Aspekte sowie der Titel „Befreie deine Lebensenergie, denn dein Leben ist mehr als nur Überleben“ klangen jedenfalls vielversprechend. Also öffnete ich mich für die neuen Informationen und erwartete gespannt die ersten Interviews.

Rückschau – ein neuer Weg beginnt

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Mit diesen Überlegungen schaute ich auf mein Leben zurück. Vor einigen Jahren glaubte ich, mit meiner Ausbildung im Neurolinguistischen Programmieren (NLP), nahezu alle „Probleme“ in meinem und dem Leben anderer Menschen lösen zu können. Dem war jedoch nicht so. Zwar hatte sich die Kommunikation mit Menschen und intern mit mir selbst, durch den bewussten Umgang mit Sprache, verändert, doch in bestimmten Konfliktsituationen reagierte ich immer noch nach dem gewohnten impulsiven und emotionalen Muster, als ginge es um mein Leben.

Angesichts dieser Erkenntnis machte ich mich auf die Suche nach weiteren Methoden und stieß auf die EMF Balancing Technique®. Ich wurde Praktitioner und erlernte eine Technik, die das menschliche Energiesystem in Balance und Harmonie bringt. Die beiden Methoden, das NLP Coaching und die ausgleichende Energiearbeit, ergänzten sich effektiv. Nun konnte ich mit Thai Chi ähnlichen Bewegungen Energieblockaden im Körper lösen, ohne deren Ursache kennen zu müssen und mit entsprechendem Coaching wertvolle Ressourcenarbeit leisten.

EMF® brachte mir eine entspannte, kraftvolle Stabilität und das NLP half mir dabei einschränkende Glaubenssätze in unterstützende umzuwandeln. Auch in zwischenmenschlichen Konflikten konnte ich mich von da an viel ruhiger und gesetzter vertreten. Ich fühlte mich in meiner Mitte und war jetzt fähig, Menschen dabei zu helfen, ebenfalls leicht in ihre Mitte zu finden.

Nach einiger Zeit bemerkte ich jedoch, wie bestimmte Lebensthemen, z.B. meine unerklärliche Behördenangst und meine starke Verlustangst trotzdem wieder auftraten. Die Verlustangst äußerte sich vor allem in einer ständigen Sorge um meinen kleinen Malteser Hund Knut. Ich befürchtete, er könnte mir unter meinen Händen wegsterben. Sobald er die kleinsten Befindlichkeiten zeigte, war ich in heller Panik.

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Zwei Monate bevor Knut in mein Leben kam, war mein Yorkshire-Terrier Pepino, im Alter von knapp zwölf Jahren aufgrund einer Herzkrankheit, in meinen Armen verstorben. In meiner Kindheit hatte ich bereits zweimal den Tod eines geliebten Hundes miterlebt. Als ich neun Jahre alt war, starb Jenny, ein kleiner Yorkshire-Welpe, nach einer Medikamentengabe ganz plötzlich und unerwartet, ebenfalls direkt in meinen Armen.

Nach diesem Schock konnte ich an nichts anderes mehr denken. Ich kam nur schwerlich über Jennys Tod hinweg, sodass es fast drei Jahre dauerte, bis ich wieder bereit war, einen Hund zu mir zu nehmen. Diesmal war es Fritzi, auch ein kleiner Yorkshire-Terrier. Er war noch ein Welpe, als er nach einem tragischen Unfall nicht mehr aus der Tierklinik zurückkehrte.

Diesen abgrundtiefen Schmerz wollte ich nie wieder fühlen. Das durfte keinesfalls noch einmal passieren. Um die unsagbare Angst davor, meinen Hund zu verlieren, in den Griff zu bekommen, erlernte ich Tierkommunikation, die Fähigkeit mit Tieren telepathisch Kontakt aufzunehmen.

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Mit diesen Kenntnissen konnte ich Knut jederzeit fragen, wie es ihm geht oder was ihm fehlt und gemäß der empfangenen Information handeln, statt wie bisher, angstvoll erstarrt abzuwarten und mir furchtbare Szenarien auszumalen. Selbst wenn er sterben sollte, könnte ich immer noch Kontakt mit ihm aufnehmen. Auf diese Weise würde ich mit ihm in Verbindung bleiben können und nicht mal der Tod, würde uns jemals trennen. Diese Gedanken waren tröstlich und vermittelten mir das Gefühl, meine Angst ein wenig mehr unter Kontrolle halten zu können.

Fragen über Fragen

Als dann im März 2020 der erste Kriegsenkel-Kongress online ging, wurden meine Erwartungen weit übertroffen. Dabei war ich von der Tiefe der Gespräche mehr als überrascht. Ich konnte kaum fassen, wie vielschichtig das Thema ist. Allmählich erkannte ich meine eigene Betroffenheit als Tochter traumatisierter Kriegskinder. Aus diesem Blickwinkel hatte ich meine Vergangenheit noch nie betrachtet.

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Die Interviews zeigten mir, welche Bereiche in meinem Leben bis dahin von mir völlig ignoriert wurden. Ganz nach dem Motto „das Beste an der Vergangenheit ist, dass sie vorbei ist“, hatte ich es geschafft, meiner Familiengeschichte konsequent aus dem Weg zu gehen,

Ich konnte ein Muster in mir erkennen, das mich geradezu davon abhielt, ein glückliches, unbeschwertes Leben führen zu können. Mit dem neuen Verständnis um die Weitergabe von unverarbeiteten Traumata war es, als ob ich einen Schlüssel für die Überwindung solcher Selbstsabotage-Programme in Händen hielte.

Die Jahre zuvor hatte ich zahlreiche Weiterbildungen im Bereich Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung, Familienaufstellungen und Rückführungen besucht. In keinem der Seminare wurde das Thema Kriegsenkel, Trauma oder gar transgenerationale Traumata auch nur ansatzweise erwähnt.

Plötzlich erschien mir meine Kindheit wie ein großes schwarzes Loch. Warum wusste ich so wenig über meine Familiengeschichte? Hat mein Vater jemals über seine Vergangenheit gesprochen? Hat meine Mutter nichts erzählt oder habe ich es bloß vergessen?

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In dem Moment wurde mir bewusst, wie fremd ich mir in meiner Familie vorkam und fragte mich, wer ich überhaupt bin. Ich nahm wahr, wie wurzellos ich mich fühlte und wie tief meine Sehnsucht nach Verbundenheit, Halt und Geborgenheit war.

Erst nach und nach dämmerte es mir, welche Auswirkungen das Schicksal meiner Familie, vor allem aber ihre Entwurzelung, auf mein Leben hatte. Zum ersten Mal verspürte ich den Wunsch, mehr über meine Familiengeschichte zu erfahren.

Ein „Ja“ mit Folgen

Als Cornelia mich dann fragte, ob ich Lust hätte, beim Erfassen der Texte für das Kriegsenkelbuch zu helfen, sagte ich, ohne zu überlegen, „ja“.

Was dieses „Ja“ für mich bedeuten würde, ahnte ich damals noch nicht. Es folgten mehrere Monate intensiver Auseinandersetzung mit dem, was die Gesprächspartner über die Auswirkungen der Weltkriege auf uns und nachfolgende Generationen geäußert haben. Um die Essenz möglichst genau wiedergeben zu können, sah ich die Interviews oder Ausschnitte daraus immer und immer wieder an. Das Gesagte konnte ich dabei tief verinnerlichen.

Parallel dazu befasste ich mich auch ausführlich mit meiner eigenen Familiengeschichte und stellte fest, wie wenig ich tatsächlich über die Kriegserlebnisse meiner Eltern und Großeltern wusste. Angesichts dessen fühlte ich mich wie abgeschnitten von meiner Familie. Bei dem Gedanken, alle Gelegenheiten verpasst zu haben, mit meinen Großeltern über die Kriegszeit zu sprechen, wurde ich wehmütig.

Erinnerungen werden wach

In dieser Gemütsverfassung erinnerte ich mich an eine Situation als Kind mit meinem Großvater väterlicherseits. Er trug stets zwei unterschiedliche Schuhe. Als ich ihn darauf ansprach und fragte: „Du Opa, warum trägst du so einen komischen Schuh?“, antwortete er: „Ach, das ist doch, weil sie mir im Krieg ins Bein geschossen haben.“

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Während eines Kriegsgefechtes war er von einer Gewehrkugel am Oberschenkel getroffen worden und konnte nicht mehr laufen. Seine Kameraden hatten ihn auf ihrem Rückzug mitgenommen und ins Lazarett gebracht. Mein Großvater schilderte seine Geschichte kurz und knapp, ganz ohne „Drama“, so als ob es nicht der Rede wert gewesen wäre, was er erlebt hatte.

Ich weiß jedoch noch, welcher Film dabei in meinem Kopf ablief: Zwei Soldaten trugen meinen verletzten, blutenden Großvater. Dabei spürte ich ein seltsames, schauriges Gefühl, für das ich keine Erklärung fand. Heute frage ich mich: „Spürte ich als Kind die Angst und den Schmerz meines Großvaters? Waren es vielleicht seine Gefühle, die er erfolgreich verdrängt hatte?

Nachforschungen

bildschirmfoto 2022 01 22 um 16.50.55In der nächsten Zeit wollte ich mehr darüber erfahren, was meine Familie im und nach dem Krieg erlebt hatte. Deshalb bat ich meinen Vater, mir von seinen Erinnerungen zu erzählen. Zunächst meinte er, doch nichts Nennenswertes berichten zu können.

Aus seiner Sicht ist der Krieg spurlos an ihm vorbeigegangen. Es gab immer genug zu essen, sodass er nicht, wie viele andere, Hunger leiden musste. Nur sein Elternhaus, in dem auch die Großeltern lebten, geriet zum Ende des Krieges unter Beschuss und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Bei dem Hausbrand rettete sich die ganze Familie in den nahe gelegenen Bach. Bis zum Neuaufbau des Hauses kamen sie bei der Verwandtschaft unter.

Schmunzelnd fügte mein Vater seiner Erzählung noch eine Anekdote hinzu. Dem Großvater war auf der Flucht vor den Flammen der Hut vom Kopf geschossen worden. Ich fand seine Schilderung überhaupt nicht lustig und fragte mich, wie er als kleines 1 ½ -jähriges Kind die Situation damals tatsächlich erlebt hatte.

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Die Vergangenheit meiner Mutter stellte sich für mich eher als wirr und undurchsichtig dar. Einige Episoden ihrer Kindheit liegen heute immer noch im Nebel. Trauriger weise starb sie im Jahr 2007. Ich bedaure zutiefst, nicht mehr mit ihr darüber reden zu können.

Irgendwann einmal – ich muss noch ein Kind gewesen sein – erzählte sie von ihrer alten Heimat und von der Flucht aus Oberschlesien. Ihre Eltern hatten dort eine Konditorei mit einem Kolonialwarenladen geführt. Leider kann ich mich nicht an weitere Details erinnern, es liegt schon so lange Zeit zurück. Später haben wir nicht mehr darüber gesprochen.  

Erschütternde Erkenntnisse

Zu meiner großen Freude wusste mein Vater noch einiges aus dem Leben meiner Mutter zu berichten. Nach und nach kamen mir Gespräche in den Sinn, in denen sie klagte, wie schwer sie es in ihrer Kindheit mit ihrer strengen, lieblosen Mutter gehabt hätte. Sie erwähnte dabei auch, dass es nach dem Krieg kaum etwas zu essen gab und sie deshalb großen Hunger gelitten hat und häufig krank war.

Schrittweise konnte ich weitere Puzzleteile finden, um mir ein genaueres Bild über die Geschichte meiner Mutter machen zu können. Dabei half mir auch meine Tante Angelika, ihre jüngste Schwester, nach der ich benannt bin.

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Meine Großeltern kamen aus Birkenhain im Landkreis Falkenberg in Oberschlesien. Zum Haus gehörten die Bäckerei, das Ladengeschäft, ein Hof und einige Streuobstwiesen. Vor ein paar Jahren besuchte meine Tante Hanna die alte Heimat. Das Haus war abgerissen, nur noch Teile der Backstube waren zu sehen. Ein verwittertes Schild an der Wand, auf dem der Familienname „Jäschke“ durchgestrichen war, wies auf die ehemaligen Besitzer, meine Großeltern hin.

Nach Kriegsende wurde die Familie vertrieben und suchte Zuflucht bei Verwandten in Oschatz (Sachsen) Einige Zeit später ließen sich meine Großeltern scheiden. Die Familie brach auseinander. Meine Großmutter verließ das Haus und nahm ihre jüngste und älteste Tochter mit. Mein Großvater blieb mit meiner Mutter und ihrer älteren Schwester dort.

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Als kleines Kind erlebte sie also nicht nur mit, wie ihre Eltern ihre gesamte Lebensexistenz und ihre Heimat verloren, sie wurde durch die Scheidung auch noch für mehrere Jahre von ihrer Mutter getrennt. Wie ich erst kürzlich von meiner Tante erfuhr, kam meine Mutter erst im Alter von elf Jahren wieder zu ihrer Mutter. Diese Geschichte bestürzte mich zutiefst. Warum war mir das nicht bekannt? Hatte sie vielleicht davon gesprochen und ich konnte mich nur nicht daran erinnern? Wie war es ihr in dieser Zeit ergangen? Zu gerne hätte ich es von ihr erfahren.

Mein Resümee

Vor dem Kriegsenkel-Kongress hatte ich mir niemals Gedanken darüber gemacht, welche Ängste, Sorgen und Nöte meine Familie während des Krieges und in der Zeit danach erlitten haben könnte. Seitdem weiß ich, wie unbeschwert im Gegensatz dazu mein Leben verlief.

Das Wissen um die Wiederholung von unerlösten Traumata hat mir geholfen, meine Familie und mich besser zu verstehen. Den Tod meiner geliebten Hunde bringe ich erst jetzt mit den schrecklichen Verlusten meiner Großeltern in Verbindung. Sie hatten einst ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Vermutlich habe ich ihre Angst übernommen und ihr unverarbeitetes Trauma unbewusst erneut inszeniert, um diese Angst letztendlich zu erlösen. Vielleicht war ich durch diese Erfahrung erst in der Lage, den Schmerz meiner Großeltern nachempfinden zu können.

Mit der Tierkommunikation hatte ich eine Möglichkeit gefunden, um meine Verlustangst gut in den Griff zu bekommen, doch die Ursache des Problems war damit nicht behoben. Heute bin ich überzeugt: In der Angst war eine wichtige Botschaft für mich enthalten, nämlich genau dorthin zu schauen, wo es besonders schmerzvoll ist. Indem ich diese Angst und alle damit verbundenen Gefühle zugelassen habe, konnte ich sie endlich loslassen.

Durch den Blick auf die Ereignisse in meiner Familiengeschichte kam ich meinen Vorfahren näher. Ich fühle mich in Liebe und Dankbarkeit mit ihnen verbunden. Seit dem ersten Kriegsenkel-Kongress zünde ich jeden Samstag eine Kerze für sie an. Ich habe den Eindruck, als ob meine Ahnen meine Zuwendung genießen und mir ihrerseits ihre Kraft und Unterstützung zukommen lassen.

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Niemals zuvor hätte ich gedacht, welch enormes Potenzial in der Aufarbeitung der Familiengeschichte verborgen liegt und wie viel Lebensenergie darin gebunden ist.

Ich bin also tatsächlich ein Kriegsenkel. Nicht nur, weil ich vom Jahrgang her dazu passe. Auch wenn meine Eltern verhältnismäßig „glimpflich“ davongekommen sind – der Krieg ist nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen.

Als ihre Tochter sehe ich meine Aufgabe darin, die seelischen Trümmer nun für mich und nachfolgende Generationen aufzuräumen – damit endlich Platz frei wird  für freudvollere Familiengeschichten.

Das Thema „Kriegsenkel und Ahnenkraft“ hat mich in seinen Bann gezogen. Vor drei Jahren noch völlig fremd, führte es mich zum meiner wahren Berufung. Aus tiefstem Herzen ermutige ich heute Menschen dazu, sich ihrer Familiengeschichte zuzuwenden und unverarbeiteten Traumata zu überwinden. Denn dann kann die Kraft der Ahnen ungehindert fließen und sich im Leben entfalten. 

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Angelika Henke

Co-Autorin von:

Kriegsenkel
Trauma erkennen, verstehen und heilen

www.angelika-henke.de

Bildquellen:

Familienbilder: Eigenes Archiv
pixabay

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6 Kommentare zu „Kriegsenkel – mein blinder Fleck“

  1. Liebe Angelika, lieber Rolf,, liebe Regina,
    wie schön, dass es Menschen wie euch gibt, die sich mit ihrer Familiengeschichte, und alles, was damit zusammenhängt auseinandersetzen. Das fehlt mir. Ich bin Jahrgang 1941, i.m Sudetenland geboren, musste als 4jähriges Kind indirekt mit meinem 5 1/2jährigen Bruder die Vergewaltigung durch die Russen mitbekommen, was erstmal als Erstarrung abgespalten war. Durch meine spirituelle Körperausbildung erlebte ich eine dramatische Retraumatisierung, bei der dieses Trauma an die Oberfläche kam. Das war ca. 1994. Seit dem arbeite ich daran, schrieb darüber, las in einem Erzählsalon über das Unaussprechliche. Einige Frauen fragten mich, warum ich das erzähle. Ich sagte: Alles was nicht im Licht ist kommt ans Licht. Daraufhin sagten sie, dass ihre Großmütter ihren Müttern unter Strafe verboten hätten, ihren Ehemännern davon zu erzählen. Ich habe mir vieles von der Seele gemalt, habe ein Atelier für Ausdrucksmalen und begleite Menschen, ebenfalls sich Schritt für Schritt frei zu malen. Ich habe meine Mutter bis zum Schluss begleitet, als sie mit 92 Jahren starb. Auch mit meinem Sohn und meiner Tochter setzte ich mich auseinander, die morgen zu meinem Geburtstag kommen. Es gäbe noch vieles zu teilen. Ich fände das so kostbar und heilend, wenn Menschen sich dafür öffnen.
    Ich wäre sehr dankbar, mehr von euch zu höre.
    Ganz herzliche Grüße Erika

    1. Angelika Henke

      Liebe Erika,
      herzlichen Dank für deine Rückmeldung zu meinem Blogartikel. Ich freue mich sehr darüber und es bewegt mich zutiefst, dass du von deiner Geschichte als Kriegskind erzählst.
      Was du erlebt hast, ist grausam. Ich habe mittlerweile großen Respekt vor den dynamischen Mechanismen unseres menschlichen Körpers (Erstarrung, Abspaltung), wenn wir traumatische Erfahrungen machen. Im Grunde genommen will er uns ja nur schützen, damit wir weiterleben können, auch wenn es nur ein „Überleben“ ist. Und dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem das Trauma erkannt, angeschaut und gefühlt werden will…

      Deine Retraumatisierung, die du dann im Alter von 53 Jahren (mein jetziges Alter) erlebt hast, war „dramatisch“, wie du schreibst und meinem Empfinden nach bestimmt heftig. Ich interpretiere es als eine Art Weckruf, dem du gefolgt bist, um endlich „Licht“ in diese Düsternis zu bringen, die viele Menschen noch mit sich herumtragen. Das war sehr mutig von dir, denn damals wollte sich sicher kaum jemand mit diesem schrecklichen „Ballast“ beschäftigen, wie ja auch die Reaktionen einiger Frauen aus dem Erzählsalon zeigen.

      Irgendwie kann ich jedoch verstehen, dass die Großmütter den Müttern verboten hatten, ihren Ehemännern von den Vergewaltigungen zu erzählen. Meine Gedanken dazu sind: Wären die Männer überhaupt stark genug gewesen, die Wahrheit zu verkraften? Und wie hätten sie sich dann ihren Frauen gegenüber verhalten?
      Angst und Scham sind generell keine guten Berater, aber das Schweigen über „das Unaussprechliche“ war wohl die einzige Option, die die Frauen damals hatten, leider. Sie ahnten ja nicht, dass sie die Last trotzdem weitergeben würden. Umso besser ist es, dass viele Betroffene jetzt immer offener werden. Wie ich es erlebe sind es vor allem Frauen, die sich mit dem Thema Kriegsenkel und transgenerationale Traumata auseinandersetzen.

      Es ist so schön, liebe Erika, dass du in der Malerei eine Möglichkeit für dich gefunden hast, die traumatischen Erlebnisse aus deiner Kindheit zu verarbeiten und so überaus wertvoll, wie du mit deinem Atelier für Ausdrucksmalerei und mit deiner Begleitung auch andere Menschen unterstützt. Sicher ist es nicht einfach das Thema ebenfalls mit deinen Kindern zu besprechen, aber so wichtig und ich habe Hochachtung davor. Ich wünsche dir für morgen einen wundervollen Geburtstag.

      Herzliche Grüße
      Angelika

  2. Angelika Henke

    Lieber Rolf,
    erst einmal danke ich dir ganz herzlich für deinen Beitrag zu meinem Blogartikel. Es berührt mich sehr, dass du uns an deiner Geschichte teilhaben lässt. Du schreibst: „Ich selbst habe trotz dem Kriegskind-Status ein vergleichsweise wunderbares bisheriges Leben genießen können und weiß nicht warum.“ Das finde ich sehr tröstlich und es zeigt auch, wie komplex das ganze Thema rund um die Weitergabe von unverarbeiteten Traumata ist.
    Weiter steht in deinem Beitrag: „Letztlich geht es doch um das Thema: Sinn des Lebens, warum bin ich der, der ich bin und warum hat sich mein Leben bisher so ereignet wie es eben gelaufen ist. “ Die Frage nach dem Sinn des Lebens habe ich mir ganz tief und bewusst zum ersten mal gestellt, als meine Mutter gestorben war. Dieses einschneidende Erlebnis – ich hielt ihre Hand während sie starb – war wie ein Weckruf für mich. Meine Fragen, die danach in mir aufkamen, waren deinen sehr ähnlich, aber es gab auch noch den spirituellen Aspekt, der plötzlich in meinen Gedanken auftauchte: „Woher komme ich? Warum bin ich hier und wohin gehe ich?“
    Durch den Tod meiner Mutter und den unerträglichen Schmerz, den ich niemals mehr fühlen wollte, hatte ich eine tiefe Erkenntnis: Mein Leben war bis dahin sehr oberflächlich gewesen und ich hatte eigentlich nur funktioniert, wie ein Bioroboter und nicht wirklich gelebt.
    Damit öffnete sich mein Geist für einen neuen Weg, auf dem ich noch immer wandle, denn es ist ein Bewusstwerdungsprozess :-). Die intensive Auseinandersetzung mit dem Kriegsenkelthema ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg und hat bei mir mittlerweile auch dazu geführt, Verstrickungen mit meinen Ahnen zu erkennen und auflösen zu können.

    Ich danke dir für deine möglichen Antworten auf meine Fragen, lieber Rolf.

    Herzliche Grüße
    Angelika

  3. Während ich den Beitrag lese, entsteht ein Kloß in meinem Hals und Tränen drücken mich; ich habe vor kurzem aus dem Bundesarchiv Auskunft über meinen Vater erhalten, der von 1940-1944 im Fliegerhort Wien-Schwechat stationiert war; diese Nachricht hat eine Lawine der Erleichterung von meiner Seele gelöst und mir wurde bewusst, dass ich immer Angst hatte, dass meine Eltern Schreckliches angestellt hatten. Warum hatte ich dieses Gefühl? Das Thema ‚Krieg‘ war in meinem Elternhaus ein ‚Tabu, Tabu, Tabu‘. Mein Lebensgefühl? Angst, Angst Angst. Alles ganz diffus und trotzdem real.
    Auf dem Sterbebett hat meine Mutter gesagt: man (!) hätte so viel zu sagen, nein, sie hat es nicht gesagt, sie hat es mit ins Grab genommen. Ich habe 2 Jahre gebraucht, bis ich mich von diese Aussage erholt habe.

    Ganz herzliche Grüße und danke für Deinen Bericht
    Regina

    1. Angelika Henke

      Liebe Regina,
      hab ganz vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kann deinen Kloß im Hals und die drückenden Tränen vollkommen nachempfinden. Welch ein Druck doch auf deinem Herzen gelastet haben muss, bis du endlich über die Vergangenheit Bescheid wusstest und wie groß deine Erleichterung gewesen sein muss… Auch in meinem Elternhaus wurde nicht über den Krieg gesprochen und unbewusst hatte ich es auch vermieden zu fragen, bis auf dieses eine Mal, als ich meinen Großvater nach seinen unterschiedlichen Schuhen fragte. Ich glaube es hilft uns ganz immens, sie und uns nicht für ihr Schweigen zu verurteilen. Sie konnten einfach nicht anders.

      „Auf dem Sterbebett hat meine Mutter gesagt: man (!) hätte so viel zu sagen, nein, sie hat es nicht gesagt, sie hat es mit ins Grab genommen. Ich habe 2 Jahre gebraucht, bis ich mich von diese Aussage erholt habe.“
      Das ist so traurig, was du über dein letztes Erleben mit deiner Mutter schreibst, aber sie konnte wohl einfach nicht darüber sprechen, nicht mal in ihren letzte Minuten.
      Als meine Mutter starb, sagte sie auf meine Frage hin, ob sie ihre Glücksohrringe wieder tragen wolle (Ich hatte ihr die Ohrringe einmal zu ihrem Geburtstag geschenkt und sie hatte sie immer so gerne getragen, aber bei einem MRT einige Tage zuvor waren ihr die Ohrringe abgenommen worden): „Nein, die haben mir kein Glück gebracht.“

      Das waren ihre letzten Worte an mich und ich vergoss darüber später bittere Tränen, zunächst war ich noch zu entsetzt, weil ich doch alles versucht hatte, was in meiner Macht stand, um sie glücklich zu machen. Doch sie hatte zu diesem Zeitpunkt schon alles losgelassen und es war einfach nur ihr ehrliches Empfinden, das sie mir mitteilte. Heute weiß ich, es hatte nichts mit mir zu tun, nur mit ihr.

      Ganz liebe Grüße
      Angelika

  4. Liebe Angelika !

    Ich habe den Kriegsenkel-Kongress mitverfolgt und kann Deine Ergriffenheit über die Erfahrungen mit der eigenen Historie und der von Eltern und Großeltern verstehen.

    Ich bin Jahrgang 1942, Flüchtling aus dem Sudetenland, meine Eltern wurden mit mir per Sammel- Güterwagen-Transport mit wenig Gepäck und unter Zurücklassung von eigenem Haus und Geschäft nach Neu-Strelitz deportiert. Ein Jahr später fand meine Mutter einen Kontakt zu Verwandten die in Nordbayern gelandet waren und sie beschloß dorthin zu ziehen (in eine kleine 2-Zimmer-Wohnung zu Viert im Obergeschoß eines Bauernhofes von einem Dorf mit 10 Höfen). Mein Vater (Jahrgang 1875) österreichischer Offizier im 1. Weltkrieg in Wien und an der Südfront, Beinamputation, mußte beim Flüchtlingstransport zeitweise von meiner Mutter (Jahrgang 1900) getragen werden, verstarb 1948.

    Die Verfahren, mit denen Du Dich beschäftigt hast sind mir geläufig (z.B. NLP, EFP, Tierkommunikation (wir hatten 2 Hunde), Rückführungen, Familienstellen ……).

    Auch ich würde gerne mit meinen Eltern heute im Sinne des beiderseitigen Eltern-Ichs über deren Leben und mein Leben und die gegenseitigen Verstrickungen, Verbindungen, Lasten und Beeinflussungen sprechen. Aber das ist eben nicht mehr möglich.
    Letztlich geht es doch um das Thema: Sinn des Lebens, warum bin ich der, der ich bin und warum hat sich mein Leben bisher so ereignet wie es eben gelaufen ist. Ich selbst habe trotz dem Kriegskind-Status ein vergleichsweise wunderbares bisheriges Leben genießen können und weiß nicht warum. Meine Kinder, 2 Töchter und bisher eine Urenkelin sind ein Segen.
    Auch hier wieder die Frage danach: Warum ist alles so geschehen, wie es geschehen ist.

    Eine vielleicht mögliche Antwort kann in Betracht gezogen werden, wenn man an sich heranläßt, daß jede Seele sich vorgeburtlich seinen Lebensweg selbst aussucht mit aller Freud und allem Leid, um einen Ausgleich aus früheren eigenen Leben mit allen Verstrickungen unter und mit den Ahnen zu finden (vgl. Familienstellen und Lebensrückblick bei Nahtod-Erfahrungen).

    Das beantwortet nicht alle Lebens- und Schicksals-Fragen, aber kann Verständnis und Gelassenheit gegenüber den Fährnissen des eigenen Lebens beflügeln.

    Herzlich grüßt
    Rolf

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