Imke In Verbindung

Kriegsenkel – in Verbindung

Ein Beitrag von Imke Rosiejka

Imke Rosiejka wusste lange nicht, warum ihre Ängste beständig zunahmen. Erst die Beschäftigung mit ihrer Familiengeschichte und schließlich auch die Erkenntnis, dass sie eine Kriegsenkelin ist, brachte wichtige Impulse und eröffnete den Weg in ein angstfreies, freudiges und selbstbestimmtes Leben.

Ja, ich bin Kriegsenkelin – und nicht allein
Als mich ein guter Freund, der mich als Psycho-Kinesiologe begleitet, auf den Kriegsenkel-Kongress aufmerksam machte, fühlte ich mich sofort angesprochen, ohne sagen zu können, warum. Nachdem ich einige der Interviews gesehen hatte, gab es keinen Zweifel mehr: Ja, ich bin Kriegsenkelin.

Ich hatte mich bereits mehrere Jahre mit den Ursachen meiner tiefliegenden Glaubenssätze und Verhaltensmuster beschäftigte. Dabei waren immer wieder auch Umstände ins Spiel gekommen, die tief in meiner Familiengeschichte zu wurzeln schienen. Die Interviews des Kongresses bestätigten diese Zusammenhänge nachhaltig. Und sie ließen ein Gefühl von Zugehörigkeit wachsen. Ich war plötzlich nicht mehr allein mit dem, was mir passiert war.

Das Leben musste weitergehen, irgendwie …
Ich kannte einige der einschneidenden Ereignisse unserer Familiengeschichte in Ansätzen vom Hören-Sagen und spürte immer wieder deutlich den Schmerz, der dafür sorgte, dass wir zu Hause nicht viel darüber sprachen. Wie sehr diese Ereignisse unseren Alltag und unser Miteinander beeinflussten, wurde mir erst nach und nach in der vollen Tragweite bewusst. Meine Glaubenssätze und Verhaltensregeln gründeten zum Großteil auf dem, was meine Eltern und Großeltern erlebt hatten. Meine Gefühle der permanenten, aber nie wirklich greifbaren Bedrohung durch das Leben selbst waren Überbleibsel aus vergangenen Zeiten. Heute kann ich dieses Gefühl der Bedrohung verorten und weiß, dass ich es u.a. durch Ereignisse in die Gene gepflanzt bekam, die vor 75 Jahren unsere Familie erschütterten und nie aufgearbeitet wurden.

1942: Deutschland befand sich mitten im zweiten Weltkrieg. Mein Großvater war selbstständiger Schuhmachermeister und hatte sich gerade mit der Fertigung von Holzschuhen eine Marktlücke erobert. Er belieferte das Heer und verdiente gut. Beruhigend für ihn, denn es galt, die wachsende Familie ernähren zu können.

Unbenannt

Meine Oma (Foto rechts) erwartete das dritte Kind. Die Schwangerschaft verlief ohne größere Komplikationen. Die Geburt des Sohnes aber überlebte sie nicht. Für alle unfassbar und vollkommen unerwartet verstarb sie im Kindbett. Alle waren unter Schock. Meine Mutter war gerade neun, ihre Schwester (also meine Tante) sechs Jahre alt …

Eben noch auf die Holzschuh-Fabrik konzentriert, war mein Großvater plötzlich Witwer mit drei kleinen Kindern. Aber es gab keine Zeit zum Trauern.

Das Leben musste weitergehen, irgendwie …
Was niemand ahnen konnte: Der Tod meiner Oma war der Beginn einer Reihe von Katastrophen, die sich in der Familie ereignen sollten.

Imkes Familie

In den ersten Jahren nach ihrem Tod war die Haushälterin meinem Großvater eine unverzichtbare Hilfe. Sie kümmerte sich rührend um die Kinder und versuchte, die Lücke für die Kleinen so gut es eben ging zu füllen. Meine Mutter (im Bild rechts) übernahm viele Aufgaben bei der Betreuung ihres Bruders und hatte, das erzählte sie mir jüngst, immer ein schlechtes Gewissen ihrer Schwester gegenüber, weil sie sich nur wenig um sie kümmern konnte.

Mein Großvater war 38 Jahre alt und in erster Linie damit beschäftigt, den Betrieb „am Laufen“ zu halten. Es war schnell klar: Er konnte und wollte nicht mit den kleinen Kindern allein bleiben …

So kam eine neue Frau ins Haus, als meine Mutter 11 Jahre alt war – die Frau, die ich als meine Groß­mutter kennenlernte. Der Verlust der geliebten Mama wog schwer, die neue Frau „Mutter“ zu nennen, wie diese es erwartete, brachte meine Mutter nicht fertig. Alles in ihr sträubte sich dagegen, sie hätte damit die Liebe zu ihrer Mama verraten – so ihr Gefühl.

Stiefmutter

Das Verhältnis meiner Mutter zu ihrer Stiefmutter blieb unterkühlt.

Als 1945 die Bomben der Alliierten auf Deutschland hernieder prasselten, wurde auch das Haus meiner Großeltern getroffen. 3 Monate vor Kriegsende kamen meine Tante, mein Onkel und die Haushälterin, die sich liebevoll um die Kinder gekümmert hatte, in den Trümmern ums Leben.

Meine Mutter hatte innerhalb von zweieinhalb Jahren alles verloren, was sie geliebt hatte und war fortan mit einem sich in die Arbeit stürzenden Vater und einer in ihrer Wahrnehmung kaltherzigen Stiefmutter allein. Niemand konnte ihr helfen, das zerrüttete Vertrauen ins Leben wiederzuerlangen.

In ihr wuchs die Überzeugung, dass das Schicksal jeder Zeit wieder erbarmungslos zuschlagen könnte – und die Monate bis Kriegsende und die ersten Nachkriegsjahre schienen diese immer wieder aufs Neue zu bestätigen.

Aber das Leben musste weitergehen, irgendwie …

Meine Mutter lernte meinen Vater kennen, und als meine Schwester auf die Welt kam und das Verhältnis zur Schwiegermutter auch für meinen Vater immer schwierig wurde, zog die kleine Familie fort.

Das Leben ist gefährlich und muss kontrolliert werden

ImkeAls ich als viertes Kind der Familie zur Welt kam, hatte mein Vater sich gerade seinen Traum verwirklicht. Er hatte sich als Lebensmittelhändler einen eigenen Laden aufgebaut und arbeitete entsprechend selbst und ständig. Meine Mutter war 29 Jahre und mit den vier Kindern die meiste Zeit allein zu Haus. Die Ängste meiner Mutter waren allgegenwärtig und die erste Prägung, die ich  quasi mit der Muttermilch aufnahm.

Liebe und Vertrauen hatten sich aus ihrem Leben geschlichen und so wuchs ich in eine Familie hinein, die vor allem eines war: kontrolliert. Mit der ständig präsenten Kontrolle ging die Freude – und mit ihr alle Gefühle, die zu einem gesunden Menschenleben dazugehören. Gefühle zu haben war sowohl meinen Eltern als auch meinen Großeltern lästig und nicht erwünscht, denn Gefühle entzogen sich der Kontrolle. So lernte ich vor allem eines: Am besten keine zu haben, und wenn sich doch welche bemerkbar machten, galt es, sie schnell zu verstecken. Wenn wir Kinder miteinander tollten, hieß es: “Solange bis einer heult!“: Wenn ich fröhlich lachend durch die Wohnung rannte, hörte ich, ich solle mich nur nicht zu früh freuen. Und wenn ich traurig in einer Zimmerecke saß, war die Ansage, ich solle mich nicht unnötig anstellen. Diese Bemerkungen sorgten schließlich dafür, dass ich sowohl die positiven als auch die scheinbar negativen Gefühle tief in mir vergrub.

Wir wurden mit strenger Hand erzogen; Funktionieren und nach außen ein „anständiges“ Bild abgeben, waren die Vorgaben und das alles unter den kontrollierenden Augen meiner Mutter.

Daraus entstanden meine Glaubenssätze über das Leben:

  • Das Leben ist gefährlich und muss kontrolliert werden. Wenn ich die Kontrolle verliere, verliere ich das Leben oder das, was ich liebe.
  • Wenn ich etwas zu nah an mein Herz lasse, tut es zu sehr weh, sollte ich es verlieren. Und damit musste ich, weil das Leben ja potenziell gefährlich ist, jederzeit rechnen …
  • Gefühle sind grundsätzlich gefährlich, denn sie vernebeln den Blick und machen unvorsichtig.
  • Ich muss lernen, Menschen „zu lesen“ und Situationen abzuwägen, um potenzielle Gefahren von mir abzuwenden.

So war ich immer ein bisschen ängstlicher, knüpfte nur schwer Kontakt zu anderen Kindern, war immer darauf gefasst, dass sich Katastrophen ereignen könnten.

Ich lernte, mich in den engen Grenzen dessen zu bewegen, was erlaubt war und deshalb ungefährlich schien. Ich reagierte empfindlich und oft mit körperlichen Symptomen (z.B. extremen Rückenschmerzen) auf Situationen, die mir Angst machten oder nicht in mein Weltbild einordnen konnte. Viele Situationen mied ich, andere hielt ich aus, so gut es ging. Mit 40 Jahren schließlich erkrankte ich an Panikattacken, denn die Fülle der beängstigenden Momente nahm überhand.

Startschuss in ein angstfreies Leben
Meine Angsterkrankung mit Panikattacken und Depressionen zwang mich zu Boden, stellte mein Leben komplett auf den Kopf, denn ich konnte die Fassade von „ich funktioniere“ nicht mehr aufrechterhalten. Ich wurde „aus dem Verkehr“ gezogen und traute mich bald nicht mehr allein aus dem Haus. Im Nachhinein war es ein Geschenk, denn so bekam ich letztendlich die Chance, mein Leben zu überdenken. Meine Panikattacken waren nicht nur das Ende vom dem, was ich kannte, sondern auch der Startschuss in ein neues und angstfreies Leben.

Zunächst ging ich den klassischen Weg – Verhaltenstherapie und Tabletten. Dann kehrten auch die körperlichen Symptome zurück und ich ahnte, dass dies nicht der Weg ist, der mir langfristig helfen würde. Die wiederkehrenden Rückenschmerzen brachten mich schließlich zu meinem Osteopathen und Psychokinesiologen, der mir behutsam half, die Muster zu erkennen und zu verstehen, wie sie auf mein Leben gewirkt hatten. Es begann ein mühsamer Weg mit allen Höhen und Tiefen, denn die Gefühle, die ich über all die Jahre verdrängt hatte, wollten mit Macht aus mir heraus, wollten endlich gefühlt werden. Die Behandlungen halfen mir schließlich Schritt für Schritt zu verstehen, zu vergeben und loszulassen. Ich lernte mich auszuhalten, mit meinem Lachen und mit meinem Weinen. Immer noch vorsichtig und immer wieder die Grenzen neu auslotend. Allmählich kam ich an den Kern – an mein Herz. Und ich entdeckte, was alles in mir steckte. Ich begann, wirklich zu leben und zu lieben.

Mit jedem Verstehen kommt auch die Freude zurück
Ich hatte auf meinem Weg oft Angst, dass ich das, was ich als Grund für meinen Zustand entdecken würde, nicht aushalten kann, weil die damit verbunden Schmerzen zu groß sein könnten. Und ich dachte lange, dass mit mir grundlegend etwas nicht stimmte, weil ich oft keine Ursache ausmachen konnte.

Die Erkenntnis, dass meine Ängste und das verloren gegangene Vertrauen ins Leben ursächlich zu der Geschichte meiner Mutter gehörten, hat mich nachhaltig befreit. Ich hatte die allem zu Grunde liegenden Ursachen verstanden. Ich durfte ihnen nachspüren, habe ein Gefühl dafür entwickelt, was meine Mutter erlebt und erlitten hatte.

Ich konnte tiefstes Mitgefühl mit meiner Mutter und auch mit der kleinen Imke entwickeln, die keine andere Chance des Überlebens sah als sich immer irgendwie zu verstecken.

Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich Menschen begegnet bin, die mich dabei begleitet haben, die mir über die verschiedenen Behandlungsverfahren halfen zu verstehen und der Liebe und dem Vertrauen so den Weg in mein Herz ebneten. Mit jedem Verstehen kam auch die Freude in mein Leben zurück – und der Mut, mich zu entdecken und schließlich zu lieben, was sich offenbarte.

Imke2Die Geschichten der Kongressteilnehmer zu hören, war zusätzlicher Balsam für meine Seele

In der Summe haben viele Aspekte zu meiner Heilung beigetragen, die aber alle mit der systemischen Ursachen-Betrachtung zu tun haben. Mit meinem Kinesiologen arbeite ich schon länger auf dieser Ebene. Durch die Vorträge bin ich aber noch einmal tiefer in die Lebensgeschichten der Kriegsgeneration eingetaucht. Ich konnte plötzlich noch einmal viel deutlicher spüren, wie es für meine Großeltern und Eltern gewesen sein muss, in dieser Zeit und unter den verheerenden Bedingungen gelebt zu haben. Und als ich dann schließlich, ausgelöst durch die Vorträge, das große Bedürfnis verspürte, mit meiner Mutter zu sprechen und sie ganz konkret zu fragen, wie das alles für sie war, hat es uns beide befreit. Ich konnte auf einmal so viel besser verstehen, warum meine Mutter so gehandelt hat – und dass sie immer nur das Beste für uns gewollt hat, aber einfach nicht wusste, wie es gehen kann, ohne ihre eigenen Wunden aufzureißen.

Die Geschichten und Erfahrungen von so vielen unterschiedlichen Menschen zu hören, war zusätzlicher Balsam für meine Seele, weil ich mich in vielen Beiträgen wiedergefunden habe. Geteiltes Leid ist tatsächlich halbes Leid. Und geteilte Freude ist doppelte Freude. Ich habe mir schließlich deshalb auch das Kongress-Paket gekauft: Zum einen wollte ich die wertvolle Arbeit unterstützen und Cornelia Wertschätzung zollen, denn ich finde es großartig, was sie mit dem Kongress auf die Beine gestellt hat. Zum anderen wollte ich mir die Möglichkeit schenken, jederzeit in die Vorträge einzusteigen, sie noch einmal zu hören … mir einfach die Option offenhalten, immer wieder nachzuhören. Das habe ich schon mehrfach getan und es bewegt mich immer wieder.

So wünsche ich allen Kriegsenkeln Heilung der alten Wunden – es ist möglich und es befreit. Und es ist nötiger denn je. Ich bin davon überzeugt, dass auch die Kriegs-Urenkel diese Beiträge hören sollten, denn die letzten Zeitzeugen gehen. Geschichte nur aus Büchern zu kennen, und das auch nur, weil sie auf dem Stundenplan stehen, schafft nicht die nötige Nähe, um zu Verstehen. Dazu muss man fühlen – und dafür sind die Beiträge hier bestens geeignet.

© Bilder: Privatarchiv und Katharina Bree (Hamburg)

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Imke Rosiejka, Jahrgang 1962 und arbeitet hauptberuflich, aber mit reduzierter Stundenzahl als Berufsschullehrerin. Sie ist seit 2011 im Zweitberuf als Künstlerin (Malerei und Fotografie), Autorin, Veranstalterin und Impulsgeberin tätig.

www.imke-rosiejka.de

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2 Kommentare zu „Kriegsenkel – in Verbindung“

  1. Was für eine Geschichte! Sehr bewegend und sehr anschaulich beschrieben. Vielen Dank für diese Einblicke und Offenheit. Mir hilft es sehr weiter, von anderen Lebenswegen zu erfahren. Man fühlt sich damit nicht mehr so allein. Was mich sehr berührt hat und mir bekannt vorkommt, ist diese Regulation der Gefühle. Sowohl das Stell-dich-nicht-so-an (bei Trauer), als auch das Jetzt-ist-auch-genug-gefreut (bei Fröhlichkeit). Diese unterdrückte Gefühlswelt treibt dann allerlei Unfung, zum Beispiel durch ausagierte, schwere Krankheiten.

    1. Imke Rosiejka

      Lieber Achim,
      herzlichen Dank für die berührende Bestätigung.
      Es tut gut, diese Erfahrungen zu teilen und zu spüren, dass mit uns alles in Ordnung ist, wir „nur“ unter den Schmerzen vorheriger Generationen zu leiden hatten und nun den eigenen Weg erkunden und uns von „Altlasten“ befreien dürfen.
      Meine Mutter hat sich übrigens tief erschüttert gezeigt, als ihr klar wurde, wie sehr ihr Leid uns Kinder beeinflusst und krank gemacht hat. Und sie hat auch für sich selbst nachvollziehen können, wie sehr sie unter den Bedingungen gelitten hat.
      Ich mache in Gesprächen immer wieder die Erfahrung, dass die Unterdrückung aller Gefühle die Seele schwerer verletzt, als die meisten wahrhaben wollen.
      Mir begegnen so viele Menschen (auch die heutigen Jugendlichen trifft das sehr deutlich), die Gefühle nicht zulassen können, weil sie sie immer noch als nicht erwünscht und geradezu gefährlich erfahren. Mein Neffe (24 Jahre alt) bestätigte mir jüngst, dass Gefühle zuzulassen auch in seinem Freundeskreis als absolute Schwäche angesehen wird …

      Meine Geschichte zu veröffentlichen kann vielleicht ein wenig dazu beitragen, dass mehr Menschen darauf aufmerksam werden, wie verletzt und verletzlich wir sind. Und dass unserer ganzheitliche Gesundheit und unser Lebensglück auch davon abhängen all diese Facetten zu würdigen und zu erlauben.
      Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, mich auch in diesem Forum äußern zu können und Feedback wie Ihres zu bekommen, das meinen Weg bestätigt.

      Ich wünschen Ihnen von Herzen alles Gute, vor allem Gesundheit, Zufriedenheit und Freude
      Ihre Imke Rosiejka

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