writing 923882 1920

Kriegsenkel – Trauma erkennen, verstehen und heilen

Das traumatische Erbe lösen – das Kriegsenkelbuch zum ersten Online-Kriegsenkel-Kongress. 

Aus eigener Betroffenheit heraus, sprach Cornelia mit zahlreichen Experten und vermittelt dabei ein tiefgrei
fendes Verständnis, wie ein Trauma entsteht und wie es sich auf nachfolgende Generationen auswirken kann. Die inspirierenden Texte zu den Interviews ermöglichen, das eigene Leben in einem anderen Licht zu betrachten und sich selbst aus den Verstrickungen der Vergangenheit zu befreien.

 

Einleitung zum Kriegsenkelbuch

 

buchansichtWenn ich nur daran denke, fühle ich noch heute den Schock. Warum ist der Vater plötzlich so ärgerlich? Ich sehe das kleine Mädchen vor mir, dessen Gefühle übergangen werden und das zutiefst verunsichert ist. Was hat es verkehrt gemacht? Wie sehr sehnt es sich danach, von ihm liebevoll in den Arm genommen zu werden.

Er hätte seiner Tochter alles erzählen können, was er im Krieg und auf der Flucht erlebt hatte: Wie er im Alter von neun Jahren großen Hunger litt, tagelang nichts zu essen hatte und es manchmal nur eine „Suppe“ mit Kartoffelschalen gab oder wie sich die Geschwister zwei Brotscheiben teilen mussten.

Stattdessen stand das Mädchen allein da. Schlagartig herrschte Totenstille im Raum. „Sei froh, dass du überhaupt was zu essen hast“, hatte ihr Vater angemahnt, als sie sich weigerte, ihren Teller leer zu essen. Danach versank er in sich selbst.

Das ist eine der wenigen Situationen, an die ich mich vage erinnere. Vieles liegt im Nebel und ist immer noch schwer greifbar. Ich wuchs im Wohlstand auf und es gab keine gravierenden Probleme in unserer Familie. Ich spielte gerne draußen und liebte die Natur.

So wie mir ging es vielen Menschen meiner Generation. Unsere Eltern versorgten uns vorzüglich auf der materiellen Ebene, doch für unsere Bedürfnisse und Gefühle hatten sie kaum Gespür. Als Kinder fühlten sich viele Kriegsenkel emotional allein gelassen.

Meine Großeltern hatten nur wenige Male Äußerungen über ihre alte Heimat und die Flucht fallen gelassen. Was es für sie bedeutete und was sie erlitten hatten, erschloss sich mir daraus nicht. Beiläufig hörten wir vom Tod ihrer vier Kinder. Mein Großvater hatte durch eine Verletzung an der Front ein versteiftes Bein, kam damit aber gut zurecht.

Viele Jahre lang begleitete mich ein merkwürdiges Gefühl. Etwas Stilles, Unaussprechliches lag in der Luft. Ich fühlte mich zunehmend fremder in der Welt und wurde depressiv. In meinem Hund fand ich den besten Freund.

Die Kindheit meines Vaters ist geprägt vom Verlust der Heimat, von Vertreibung und Flucht, Tod, Hunger und Gewalt. Innerhalb eines halben Jahres nach dem Krieg verlor er vier Geschwister. Im Gegensatz zu ihm erlebte ich eine scheinbar sorgenfreie und wohl behütete Kindheit. Dennoch bedrückte mich irgendetwas.

Als Kinder traumatisierter Kriegskinder spürten wir die Sorgen und Nöte unserer Eltern und bezogen sie auf uns. Immer wieder hörten wir, wie gut es uns doch gehe, und so waren wir selbst davon überzeugt – oft sind wir es noch heute.

Mit dem Erkennen und Verstehen meines ererbten Traumas fand ich den Zugang zu meiner Lebenskraft. Bis dahin konnte ich mir meine diffusen körperlichen und psychischen Probleme nicht erklären. Ich vermutete einen Zusammenhang mit dem traurigen Schicksal meines Vaters. Auf der Suche nach therapeutischer Unterstützung stieß ich lediglich auf Unverständnis.

Während eines Klinikaufenthaltes im Oktober 2008 hörte ich zum ersten Mal den Begriff „Transgenerationales Trauma“ und das Wort „Kriegsenkel“. Wie ich erfuhr, sind Kriegsenkel die Kinder der Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges.

Mir wurde bewusst: Ich bin ein Kriegsenkel, die Tochter eines schwerst traumatisierten Kriegskindes. Nur 19 Jahre, nachdem mein Vater seine Heimat und vier Geschwister verloren hatte, lag ich als Neugeborenes in seinen Armen. Was hat er in dem Moment empfunden? Erinnerte ich ihn möglicherweise an seine kleine verstorbene Schwester?

Ich fing an, mich intensiv mit den Erlebnissen des Krieges und der Geschichte meines Vaters zu beschäftigen. Immer tiefer tauchte ich in die unvorstellbare Not meiner Großmutter und ihrer Kinder ein. Millionen von Kindern, Frauen und alten Menschen erlitten ebenso wie meine Familie im und nach dem Zweiten Weltkrieg Verlust, Gewalt, Hunger und Kälte. Von alldem hatte ich keine Ahnung.

Die zerstörenden Auswirkungen der Kriegserlebnisse wurden mir mehr und mehr vor Augen geführt. Die Spuren, die sie in meinem Leben hinterlassen hatten, waren unübersehbar.

Wenn ich mit Freunden darüber sprach, bemerkten einige, wie wenig sie über ihre Familiengeschichte wussten. Manche erinnerten sich an Erzählungen, in denen der Vater oder die Mutter den Krieg, die Flucht oder den Heimatverlust erwähnt hatten.

In diesem Licht betrachtet erschlossen sich ihnen deren Eigenarten. Sie erkannten einen Zusammenhang mit ihrer Schwierigkeit, sich heimisch und geborgen zu fühlen, und dem Schicksal ihrer Eltern.

Allgemein wurde in den Familien kaum über die damalige Zeit gesprochen. In der Öffentlichkeit kam das Thema ebenso wenig zur Sprache und es gab keinerlei Hilfen für die traumatisierten Menschen. Mein Vater begann erst im Rentenalter aus seiner Kindheit zu erzählen.

Ich habe am eigenen Leib erlebt, was es bedeutet, ein Kriegsenkel zu sein. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe an, ein Bewusstsein für das stille Leid der Kriegskinder und Kriegsenkel zu schaffen. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – die Traumata unserer Eltern haben Spuren hinterlassen und solange wir sie nicht als solche erkennen und auflösen, geben wir die traumatischen Belastungen an die nächste Generation weiter.

Unsere Vorfahren mussten um ihr Überleben kämpfen. Wir übernahmen ihre damit verbundenen Gefühle, Gedanken und Ängste. Im Gegensatz zu unseren Eltern stehen uns heutzutage zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen wir alten Ballast loslassen und Heilung in die Familie bringen können. Auf diese Weise beenden wir die Weitergabe der Traumata an nachfolgende Generationen.

Mit dem Verständnis für die unverarbeiteten Erlebnisse der Eltern und Großeltern können wir unsere Kindheit mit anderen Augen betrachten. Das Lösen aus den Verstrickungen der Vergangenheit versetzt uns in die Lage, aus dem Überlebensmodus auszusteigen.

An dem Tag, an dem mir die Ursache meiner Probleme bestätigt wurde, begann für mich ein langer und intensiver Heilungsprozess. Mein Weg verlief fernab der üblichen Pfade. Ich hörte auf meine Intuition, folgte meinen Eingebungen und entwickelte ungewöhnliche Lösungen. Wiederholt zum richtigen Zeitpunkt wurde ich zum nächsten Schritt geführt. (Dazu erzähle ich im nächsten Kapitel: „Mein traumatisches Erbe – Schlüssel zu meiner Schöpferkraft“ mehr)

Allmählich verzog sich der Schleier, der über meiner Kindheit gelegen hatte. Licht kam ins Dunkel und ich durchblickte mein Leben immer besser. Ich konnte den eigenen Schmerz annehmen und einordnen. Das setzte große Mengen Lebensenergie frei, die zuvor in den Traumata gebunden war. Dabei entdeckte ich meine ureigene Schöpferkraft.

Zugleich lag unter der Last des Traumas ein Schatz für mich verborgen. Ich fand meine Lebensaufgabe. Schließlich wären der Kriegsenkel-Kongress und das Kriegsenkelbuch ohne meine traurige Familiengeschichte niemals zustande gekommen.

Mit dem vorliegenden Buch möchte ich Kriegskinder, Kriegsenkel und Kriegsurenkel ermutigen, sich den unverarbeiteten Traumata der Vorfahren zuzuwenden, um daraus Kraft und Zuversicht für das eigene Leben zu schöpfen.

Die Aufarbeitung unserer Traumata ebnet den Weg zu einem tiefen, inneren Verständnis – von uns selbst, unseren Familien und der Welt. Denn nur wer die Vergangenheit versteht, kann in der Gegenwart ankommen und eine segensreiche Zukunft für nachfolgende Generationen erschaffen.

Cornelia Kin, im Mai 2022

cornelia kinCornelia Kin, Jahrgang 1964, ist die Initiatorin zweier Online-Kriegsenkel-Kongresse.

Sie gehört zur Generation der Kriegsenkel und litt jahrelang an Symptomen, die sie sich nicht erklären konnte. Als sie von der Weitergabe traumatischer Erlebnisse erfährt, wurde ihre Vermutung bestätigt: Das Schicksal ihres Vaters, der im Alter von neun Jahren nicht nur seine Heimat, sondern auch seine Geschwister verloren hatte, belastete ihr Leben. 

Mit dieser Erkenntnis wendete sich das Blatt. Heute ermutigt sie Kriegsenkel dazu, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen, um daraus Kraft und Lebensfreude für das eigene Leben zu schöpfen


Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top