girl 477015 1280

Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast

„Ich halte es für hilfreich, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Sich dabei professionelle Unterstützung zu holen, ist kein Zeichen von Krankheit oder Unfähigkeit, sondern ein Zeichen von Selbstachtung und Selbstfürsorge. Wir machen die Aufarbeitung nicht nur für uns selbst, sondern auch für alle Generationen vor und nach uns.“ (Maria Bachmann)

Das Gespräch mit Maria Bachmann

Marias Eltern waren gefangen in Sprachlosigkeit, Depression und Pflichterfüllung, – den Folgen einer autoritären Erziehung und den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges. Sie konnten nur wenig Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Kinder aufbringen. Stattdessen herrschten Strenge und Schweigen in der Familie.

Die beklemmende Atmosphäre in ihrem Elternhaus prägte Marias Kindheit und war begleitet von Gefühlen wie Ohnmacht, Einsamkeit und Hilflosigkeit. Trotz des massiven Widerstandes ihrer Eltern gelang es ihr später als junge Frau ihrer Sehnsucht zu folgen. Sie schlug ihren eigenen Weg ein und wurde Schauspielerin.

In ihrem Buch „Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast. Von einer, die ausbrach, das Leben zu lieben“ beleuchtet Maria Bachmann ihren Werdegang. Ergreifend und durchaus humorvoll erzählt sie aus ihrer Kindheit, beschreibt, wie sie alle Widrigkeiten überwand, sehr erfolgreich wurde und durch eine tiefe Krise zu sich selbst fand.

Mit ihrem Buch bricht Maria Bachmann ein Tabu, indem sie die Leser schonungslos an ihren inneren Erlebnissen und Gefühlen teilhaben lässt und sie auf diese Weise einlädt, ihre eigene Vergangenheit zu reflektieren. Sie findet Worte für das „Unaussprechliche“ und spricht damit vielen Menschen der Nachkriegs- und Kriegsenkel-Generation aus der Seele. Maria Bachmann möchte ein Zeichen setzen und vermitteln, dass es nie zu spät ist, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen und den eigenen Lebensweg in eine neue Richtung zu lenken.

Die Schauspielerin befasste sich schon früh mit dem Kriegsenkel-Thema, dachte dabei aber immer, nicht davon betroffen zu sein, denn niemand in der Familie hatte flüchten müssen oder hing dem Nationalsozialismus an. Ihre Eltern betonten, sie hätten „nur eine ganz normale Kriegserfahrung“ hinter sich. Als Maria ihren Vater nach einzelnen Erlebnissen befragte, sagte er abwehrend: „Das war schlimm. Ach Mädle, das ist vorbei.“ Über den Krieg selbst erzählte er nie etwas, erwähnte lediglich ein paar wenige Episoden aus der Zeit während seiner britischen Kriegsgefangenschaft in Ägypten.

Heute ist Maria Bachmann nicht nur Schauspielerin und Autorin. Als Persönlichkeitscoach unterstützt sie Menschen dabei, sich besser kennenzulernen und hilft, blockierende Strukturen aufzuspüren. Sie ermutigt dazu, Gefühle und Sehnsüchte wahrzunehmen und seine Träume zu leben.

Ringen um Liebe und Anerkennung
In Marias Kindheit waren, wie bei vielen Menschen der Kriegsenkel-Generation, diffuse Ängste, Fremdbestimmtheit, Selbstzweifel, mangelndes Selbstwertgefühl und Mutlosigkeit Teile einer fragwürdigen „Normalität“. Als kleines Mädchen hatte sie sich immer wieder um Liebe und Aufmerksamkeit seitens ihrer Eltern bemüht. Doch das erwies sich als nahezu unmöglich. Die Eltern, geprägt durch den Einfluss der damaligen Regelwerke und der Traumatisierungen aus Kriegszeiten, konnten ihre Liebe nicht offen zeigen und nicht angemessen auf ihre Tochter eingehen. Maria erkannte hinter der Härte und Unnahbarkeit aber auch eine tiefe Verzweiflung. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versuchte sie ihre Eltern zu trösten.

Als Kind konnte Maria auch nie genau herausfinden, wann und wodurch Mutter oder Vater ärgerlich wurden und wie sie das hätte vermeiden können. Die Reaktionen der Eltern waren für sie unkalkulierbar. Um ihnen zu genügen und nicht negativ aufzufallen, lernte sie, sich zu verdrehen und zu verstellen.

Maria erzählt: „Ich malte im Kopf eine Landkarte von ihnen, um mich zu orientieren. Mit der Zeit lernte ich, sie besser zu lesen. So hatte ich eine grobe Richtung, wie ich mich geben musste, um das Schlimmste zu verhindern. Ich fuhr meine Spürantennen aus und ertastete damit, wie ich am besten für sie sein sollte. Ich musste schnell sein, schneller als die Erwachsenen. Ich musste vor ihnen wissen, was sie von mir wollten. Das war das Einzige, was mir einfiel, um nicht unangenehm aufzufallen.“ (aus ihrem Buch „Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast. Von einer, die auszog, das Leben zu lieben“, S. 13)

Einschränkende Leitsätze
In ihrer Kindheit war Maria mit zahlreichen negativen Denkweisen und Glaubensmustern der Erwachsenen konfrontiert. Damit war sie nicht allein. Sie hörte z.B.:

  • Das kannst du nicht!
  • Schäme dich!
  • Stell dich nicht so an!
  • Sei zufrieden mit dem, was du hast!
  • Du wirst dich noch umgucken!
  • Was glaubst du, wer du bist?
  • Sei nicht so eingebildet!
  • Tu dich nicht hervor!
  • Die anderen wollen dich nur ausnutzen!
  • Du hast keine Ahnung vom Ernst des Lebens!

Im Laufe der Zeit erkannte Maria, dass solche Leitsätze im Leben ihrer Eltern noch eine Berechtigung hatten, ihr jedoch auf dem Weg zu einem erfüllten Leben hinderlich waren.

Der Beginn einer Selbstbefreiung
Ungeachtet des Protests ihrer Eltern gelang es Maria, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Sie befreite sich aus der Enge der Kleinstadt, dem beklemmenden Einfluss der Kirche und der elterlichen Strenge – und trat hinaus in die große weite Welt. Dieser Schritt fiel ihr extrem schwer, denn ihr war, als ließe sie ihre Eltern im Stich. Als sie ihnen eröffnete, sie „werde gehen“, stürzten sie in eine tiefe Krise.

Sie blieb standhaft, folgte ihrer Sehnsucht und wurde eine erfolgreiche Schauspielerin. Doch sie konnte ihren Erfolg zunächst nicht genießen. Wo war die ersehnte Lebensfreude? Allmählich bekam die Düsternis in ihr einen Namen: Depression. Vor den Dreharbeiten litt sie an Panikattacken. An diesem Punkt angelangt, holte sie sich professionelle Unterstützung.

Die eigene Not erkennen und zulassen
In der Therapie brachte Maria zum ersten Mal ihre Probleme mit den Kriegserlebnissen ihrer Eltern in Verbindung. Ihr Leid war, anders als bei vielen anderen Kriegsenkeln, nicht sehr offensichtlich, sondern eher subtil. Ihr war bewusst, dass Vater und Mutter ihr Bestes gegeben hatten und „gar nicht anders konnten“. So nahm sie die Eltern in Schutz und überging dabei ihr eigenes, stilles Leid.

Solche Gedanken sind kennzeichnend für Menschen der Kriegsenkelgeneration. Viele neigen dazu, die eigenen seelischen Schmerzen nicht weitergehend zu beachten, da diese im Vergleich zu den Dramen der Eltern als weniger gravierend erscheinen. Oft genug hörten wir von ihnen „Du weißt überhaupt nicht, wie gut du es hast“, häufig mit einem vorwurfsvollen Unterton.

Derartige Belehrungen sind für uns als Kind verwirrend und zutiefst demütigend. Wir wagten nicht, diese zu hinterfragen, sondern verinnerlichten das Gefühl dahinter. Daher fällt es vielen Kriegsenkeln immer noch schwer, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen.

Haben wir uns jedoch entschieden, Selbstverantwortung zu übernehmen und uns von den traumatischen Belastungen zu lösen, sollten wir im ersten Schritt endlich auch die eigene seelische Not eingestehen. Diesen Prozess, bei dem wir Gefühle wie Trauer, Wut und Schmerz zulassen, empfinden viele als zutiefst befreiend.

Meist schützen wir uns jedoch vor diesen Gefühlen und verteidigen unsere Eltern innerlich, indem wir uns immer wieder Aussagen wie „sie hatten es früher so schwer“, „sie können auch nichts dafür“ oder „sie haben sich immer bemüht“ vor Augen führen. Mit solchen Rechtfertigungen, so zutreffend sie auch sein mögen, vermeiden wir jedoch, uns mit unserer eigenen Wunde auseinanderzusetzen.

Selbstbestimmung
Damit wir als Erwachsene Heilung erlangen können, müssen wir uns selbst wertschätzen und uns fragen: Was hätte ich als Kind gebraucht? Was hat mir gefehlt, was hätte ich mir gewünscht? Vielleicht mehr Halt und Zuspruch, mehr Unterstützung und Verständnis, mehr Zärtlichkeit und mehr Nähe?

Ein solcher heilsamer Schritt darf nicht mit Egoismus verwechselt werden. Wir lernen unsere Bedürfnisse genauer kennen und können uns jetzt vieles von dem, was uns damals gefehlt hat, nun selbst geben. Dazu stehen uns etliche Möglichkeiten zur Verfügung, z. B. die Unterstützung eines erfahrenen Therapeuten in Anspruch zu nehmen, den Austausch mit anderen zu suchen oder sich etwas Gutes zu gönnen.

Dies ist der Beginn von Selbstbestimmung, Befreiung und Selbstermächtigung. Wir wissen, dass unsere Eltern das ihnen Mögliche getan haben, doch solche Gedanken können uns nicht weiter klein halten und uns einschränken. Sie taugen nicht mehr als Selbstrechtfertigung. Das Bedürfnis, die Eltern und sich selbst schützen zu wollen, wird durch Gefühle tiefen Verstehens und dauerhafter Versöhnung abgelöst. Durch diesen Prozess wachsen wir innerlich, können tiefe Dankbarkeit erleben und das Wunder unseres Lebens begreifen.

Warum ist der Rückblick so wichtig?
Beschäftigen wir uns mit dem Kriegsenkel-Thema, treffen wir immer wieder auf Menschen, die der Ansicht sind, man solle doch nicht „in der Vergangenheit“ wühlen, sondern im Hier und Jetzt leben. Mit dieser Annahme wird jedoch etwas Wesentliches übersehen:

Sich der Vergangenheit zuzuwenden bedeutet nicht, die schmerzhaften Erlebnisse immer wieder aufs Neue durchzugehen oder etwa Schuldige für das eigene Leid zu suchen. Im Gegenteil: Es geht darum, das eigene Leben zu verstehen, Eigenverantwortung zu übernehmen, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen und Frieden zu finden.

Durch die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte bringen wir Licht in das Dunkel und schließen Lücken, sodass ein Gesamtbild entstehen kann. Maria erlebte es als ein „Etwas-wieder-ganz-Machen“ und holte verborgene Anteile von Mut, Kraft und Liebesfähigkeit wieder zu sich zurück.

Die Aufarbeitung ihrer Kindheit war für Maria Bachmann der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben. Sie zeigt anhand ihrer Geschichte, dass wir in jedem Alter beginnen können, unser Leben zum Besseren zu wenden. Maria möchte allen Menschen Mut machen, diesen Schritt zu wagen.

Fragen zur Vertiefung

  • Stelle ich die Erwartungen anderer über meine eigenen Bedürfnisse?
  • Wo und wann passe ich mich an? Und warum? Was könnte ich stattdessen tun?
  • Wie denke ich über meine Eltern? Nehme ich sie in Schutz? 
  • Welche Bedürfnisse und Wünsche wurden mir als Kind nicht erfüllt? 
  • Welche wohl gemeinten Sprüche habe ich von meinen Eltern gehört? 
  • Kann ich mich gut abgrenzen? Wenn nein, warum nicht?
  • Wann habe ich zum letzten Mal etwas Neues, Aufregendes gewagt?

Anregung
Schließe die Augen und stelle dir vor, wie dein Leben aussähe, wenn du zu dir und deinen Bedürfnissen stehen und dein Verhalten selbst bestimmen würdest. Male diese Vorstellung in den schönsten Farben aus. Wie fühlt es sich an?



Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top