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Kriegsenkel – und was hat das mit mir zu tun?

Ein Beitrag von Angelika Henke

„Ich bin ja ein Kriegsenkel!“

Als ich von dem Online Kongress für Kriegsenkel erfuhr war ich verwundert, warum sich ein Kongress ausschließlich mit diesem Thema beschäftigt. Mein nächster Gedanke war, dass ich mich zwar generationsmäßig als Kriegsenkel einstufen würde, mich jedoch in keiner Weise mehr vom Krieg und seinen Nachwirkungen betroffen fühlte.

Trotzdem begann ich darüber nachzudenken, was ich über die Kriegserlebnisse meiner Eltern und Großeltern wusste.

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Auf Spurensuche

Zunächst erinnerte ich mich an die Geschichte meiner Mutter. Sie war gerade ein Jahr alt, als ihre Familie aus Schlesien fliehen musste. Von den Kriegserfahrungen meines Vaters wusste ich nichts. Ich hatte ihn nie danach gefragt. Von  meinem Großvater väterlicherseits wusste ich lediglich, dass er im Krieg verwundet worden war. Das hatte er mir selbst erzählt, nachdem ich ihn in meiner Kindheit gefragt hatte, warum er „unterschiedliche Schuhe“ trägt. Der „komische Schuh“ war eine Sonderanfertigung, um das im Krieg verwundete Bein zu stützen.

Mir wurde klar, dass ich nicht wissen konnte, ob mich die Erlebnisse meiner Eltern und Großeltern noch prägten. Meine Kenntnisse über deren Kriegsvergangenheit waren äußerst begrenzt. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie genau sich deren unverarbeitete Vergangenheit auf mein Leben ausgewirkt haben könnte.

Eine belanglose Geschichte?

altes Haus

Um weitere Informationen darüber zu erhalten, wie meine Familie den Krieg erlebt hatte, interviewte ich meinen Vater. Er habe nicht viel vom Krieg mitbekommen, teilte er mir mit. Das Haus, in dem er als Kind gelebt hatte, wurde zum Ende des Krieges beschossen. Seine Eltern und sein Großvater sind dann zusammen mit ihm in den am Haus gelegenen Bach geflüchtet. Das Haus brannte nieder und die Familie musste bis zum Neuaufbau des Hauses bei der Verwandtschaft leben. Seine Erzählung hörte sich vollkommen belanglos an. Er lachte sogar dabei, als er sich erinnerte, dass dem Großvater bei der Flucht der Hut vom Kopf geschossen wurde. 

Angelika VaterDer Umgang meines Vaters mit seinem Kindheitserlebnis stimmte mich nachdenklich. War mein Vater aus einer Schutzhaltung heraus vollkommen dissoziiert? Hatte er aus diesem Erlebnis vielleicht ein Trauma davongetragen? Ist es denkbar, dass es mir deshalb so schwer fällt, Wurzeln zu schlagen?

Von Begeisterung bis “ ist nicht mein Thema“

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Ich wollte jetzt möglichst viele Menschen in meinem Umfeld auf den Kriegsenkel-Kongress aufmerksam machen und teilte fleißig den Link zum Kongress. Es gab dankbare und begeisterte Rückmeldungen von Freunden, aber auch Stimmen, die „kein Interesse“ verlauten ließen. Einige meiner engsten Freundinnen sagten, dass das „nicht ihr Thema“ sei oder dass sie „nicht betroffen“ seien.

Das wunderte mich – doch so dachte ich auch zuerst. Allmählich begann ich zu verstehen, dass es fast jeden betrifft. Ja, wie wäre es, wenn die Ursache für meine Probleme tatsächlich in den unverarbeiteten Traumata meiner Ahnen läge? Langsam dämmerte es mir. Ich hatte schon soviel an mir gearbeitet, so viele Fortbildungen und Seminare besucht – und nie dabei die Kriegstraumata meiner Ahnen in Betracht gezogen. Meine Vorfreude auf den Kongress stieg und ich war ganz gespannt auf die Gespräche.

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Der Kriegsenkel-Kongress: Für mich eine Offenbarung

Meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Die Tiefe der Gespräche hat mich überrascht. Ich konnte es kaum fassen, wie vielschichtig das Thema ist und was es mit mir zu tun hat. Wie konnte es sein, dass ich es so viele Jahre nicht wahrgenommen habe? Mit Hilfe der zahlreichen Experteninterviews konnte ich eine intensive Lebensrückschau halten.

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  • Das Interview mit Stephan Konrad Niederwieser zeigte mir auf, dass auch in meinem Leben die Scham eine große und entscheidende Rolle spielt. Das war eine schmerzhafte Erkenntnis. Auch die nun folgende Klarheit darüber, welches Vermeidungsstrategien ich bis heute an den Tag gelegt habe, um mich vor der Scham zu schützen, war eine Offenbarung für mich.
  • Maria Bachmanns Lesungen aus ihrem Buch über ihre Kindheitserlebnisse könnten direkt aus dem Wohnzimmer meiner Kindheit stammen. Und während ich noch darüber nachdachte, welche begrenzenden Botschaften meine Eltern mir mitgegeben haben, spürte ich auch schon das „schlechte Gewissen“ darüber, meine Eltern verurteilt zu haben, gefolgt von den innerlichen Entschuldigungen für ihr Verhalten. Schließlich hatten sie es so gut gemacht, wie sie nur konnten.
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  • Susanne Hühns Arbeit mit dem inneren Kind hat mich daran erinnert, dass auch mein inneres Kind Trost, Fürsorge und Zuspruch braucht. Es war so befreiend in ihrer Meditation mit dem Hüter des Schicksals meine Lasten abzugeben, sodass bei mir Tränen der Erleichterung flossen.
  • Mit der MET-Klopftherapie von Rainer Franke habe ich intensiv an meiner Angst vor Autoritäten gearbeitet und sie auflösen können. Ob da was bei meinen Ahnen war?
  • Von Andreas Goldemann konnte ich erfahren, dass wir Schmerz, Trauer und Stress in unserem Zellbewusstsein speichern können. Der Ursprung dieser Emotionen kann aus unserer Ahnenlinie stammen. Die Emotionen können sich in der Struktur unseres Körpers festsetzen und mittels Gegenschwingung (Gesang, Stimme, Bewegung) wieder herausgelöst werden. Die Kostprobe seiner Arbeit, die Andreas Goldemann während seines Interviews gezeigt hat, war für mich so überzeugend, dass ich an seinem Kurs „die Kraft der Ahnen 2.0“ teilgenommen habe. Seither fühle ich mich viel aufgerichteter in meiner Wirbelsäule. Auch spüre ich jetzt die Verbindung zu meinen Ahnen und Wertschätzung ihnen gegenüber.
  • Olga Bajrami hat mir durch ihr umfangreiches, uraltes Ahnenwissen verdeutlicht, wie wichtig es ist, unserer Ahnen zu gedenken.  Seitdem zünde ich jeden Samstag eine Kerze für sie an.Die
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Die Wurzeln meiner Lebensthemen

Das sind nur einige Beispiele dafür, wie tief die Experteninterviews an die Wurzeln meiner Lebensthemen gekommen sind. In ausnahmslos allen Interviews habe ich mich mit meinen Themen wiedergefunden.

Die Inhalte des Kongresses sind umfangreich und sehr wertvoll für mich. Manche Gespräche habe ich mehrmals gehört und dabei jedes Mal neue hilfreiche Impulse erhalten. Das hätte ich nie gedacht. Vor allem höre ich seit einigen Wochen den Ruf, der mit meiner Aufgabe hier auf der Erde zu tun hat. Aber dazu später mehr. (in einem weiteren Artikel)

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Transformierende Erkenntnisse

Meine wichtigste Erkenntnis nach dem Kongress war, dass die Kriegsvergangenheit meiner Eltern und Großeltern mich und mein Leben tatsächlich auf verschiedenste Art und Weise geprägt hat. Die zweitwichtigste Erkenntnis und meine feste Überzeugung ist, dass Traumata heilbar sind und dass wir gestärkt daraus hervorgehen können, wenn wir uns mit unseren verdrängten Themen beschäftigen, sie heilen und dadurch die gebundene Lebensenergie befreien. 

In diesem Sinne wünsche ich allen Kriegsenkeln, dass sie erkennen mögen, wie wichtig es ist, den „alten Kriegs-Müll“ erst aufzuräumen, bevor aus den frei gelegten Wurzeln wieder neue Keimlinge sprießen können.

Angelika Henke

Angelika Henke
ist Coach und Beraterin. Sie begleitet Menschen und Tiere darin, wieder in Harmonie zu leben. Mit ihren Coaching und Techniken klärt sie die Themen zwischen Menschen und ihren Tieren und hilft dabei die Verbindung auf der Herzebene zu stärken.

www.angelika-henke.de

Das Kriegsenkelbuch

In Kürze erscheint das Handbuch zum Kriegsenkel-Kongress:
Das Kriegsenkel-Buch, das Trauma verstehen – deine Kraft entdecken

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Imke In Verbindung

Kriegsenkel – in Verbindung

Imke beschreibt ihren Weg, wie ihr das Verstehen der Familiengeschichte half, wieder Freude in ihrem Leben zu finden und wie die Gespräche des Kriegsenkel-Kongresses Balsam für ihre Seele waren.

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4 Kommentare zu „Kriegsenkel – und was hat das mit mir zu tun?“

  1. hallo
    ich bin zufällig auf die Kriegsenkel-Kongress Wiederholung gestossen- durch eine Freundin, die mich darauf aufmerksam gemacht hat. An einem Wochenende konnte man einige Interviews ganz anhören und viele antesten, reinschnuppern – ich hab mich bestätigt gefühlt – selbst aus einer Flüchtlingsfamilie väterlicherseits aus Schlesien. Ich habe Konflikte trotz Grundliebe zu Eltern und Geschwister, in Familie, insbesondere mit meiner Schwester und meinem Vater – ich habe immer schon gedacht, daß wir uns mit etwas herumschlagen, was eigentlich nichts mit uns zwei zauberhaften Wesen zutun hat, wir schlagen uns mit etwas herum, was tradiert, von früheren Generationen in unseren Familien nicht aufgelöst wurde… ich wäre so dankbar und froh, diese beschwerten Herzensangelegenheit bald loswerden zu können und unsere Familie wieder zusammen mehr lachen zu sehen.

    1. Cornelia Kin

      Ich finde es ganz wunderbar, dass Du erkennen konntest, dass Du Dich mit etwas herumschlägst, was eigentlich nichts mit Dir zu tun hat. Ich wünsche Dir, dass Du schon bald wieder zusammen mit Deiner Familie lachen kannst.

  2. Heilung ist schon ein großer Schritt. Schön, wenn es gelingt, sicher aber ein weiter Weg. Mir hat bisher vor allem schon das Verstehen geholfen. Ich verstehe durch die Kriegsenkel-Thematik Zusammenhänge viel besser und weiß nun, warum ich so bin wie ich bin. Ich sehe meine Eltern und Großeltern jetzt als „ganze Menschen“. Ohne Ver- oder Beurteilung, aber mit dem Mut, nun endlich auch die Dinge anzuerkennen und auszusprechen, die in dem Heile-Welt-Narrativ ständig verdrängt wurden. Das fühlt sich z.T. bitter an, das ist anstrengend, da ist Wut und Verzweiflung, aber es macht mich gleichzeitig auch froh, die Menschen, die mir lieb waren in allen Dimensionen zu erkennen. So erkenne ich mich und bin gelassener auf meinem weiteren Weg. Liebe Angelika, ich finde es schön, wie du deine Annäherung an das Thema hier beschreibst. Ich kann sehr mitfühlen. Vielen Dank dafür.

    1. Angelika Henke

      Lieber Achim, vielen Dank für Deinen Kommentar. Dein Mitfühlen, wie ich mich dem Thema Kriegsenkel genähert habe, hat mich sehr berührt. Die Art und Weise, wie Du Dich der Thematik gestellt hast und wie Du beschreibst, welche Gefühle in Dir aufkamen, kann ich gut nachvollziehen. Das erfordert großen Mut. Vor allem, diese Gefühle anzunehmen. Sich selbst zu verstehen und zu erkennen ist schon ein wichtiger Schritt in Richtung Heilung. Ich wünsche Dir neben Gelassenheit auch Freude und Leichtigkeit auf Deinem weiteren Weg.

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